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B. Orientierungs- und Handlungsrahmen für die Entwicklung des Tourismus(Tourismuskonzeption)VorbemerkungenUrsachen, Situationen und Ereignisse veranlassen Akteure dazu, einen Bedarf
nach Konzeptionen zu formulieren, die ihrem Alltagshandeln Grundlage und
Begründung sowie Ziele und Orientierung liefern sollen. Die Formulierung
von möglichen Zukünften sowie von Wegen dorthin erscheinen insbesondere
in Krisenzeiten von wachsender Bedeutung zu sein. Ebenso können Veränderungen
in den Rahmenbedingungen für weiteres Handeln und das entsprechende "Veralten"
vorhandener konzeptioneller Überlegungen Anlass sein, nicht nur diese
Überlegungen fortzuschreiben oder den Veränderungen angemessene Modifikationen
der relevanten Inhalte vorzunehmen. Die administrative Neuordnung des
Berliner Südostraumes im Zuge der Verwaltungsreform, d.h. die Zusammenlegung
der Bezirke Treptow und Köpenick zu einem Bezirk, und die krisenhafte
Entwicklung im lokalen Tourismus und in der lokalen Tourismuswirtschaft
ließen es den politisch Verantwortlichen in diesem Bezirk nützlich erscheinen,
im Rahmen eines Projektes zur Lage und möglichen Zukunft der lokalen Tourismuswirtschaft
eine neue, den allgemeinen wie ortsspezifischen strukturellen Wandlungen
angemessene Tourismuskonzeption als Orientierungs- und Handlungsrahmen
für die lokale Tourismusentwicklung erarbeiten zu lassen. 1. Touristische Bestände des Bezirks
1.1 DestinationDer Bezirk Treptow-Köpenick ist der südöstliche, der flächenmäßig größte und der am dünnsten besiedelte Außenbezirk Berlins. Wie eine Trompete öffnet sich der Bezirk vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zwischen Neukölln im Süden sowie Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf im Norden zum Land Brandenburg im Norden, Osten und Süden (Landkreise Märkisch-Oderland, Oder-Spree und Dahme-Spreewald). Der Bezirk ist ein "Kontrastraum par excellence". Der Bezirk reicht von der Berliner Innenstadt, einem hoch verdichteten urbanen Raum, über eine randstädtische Zone mit "grünen Einlagerungen" (Parks und Freiräume) bis zu ausgedehnten und wasserreichen Landschafträumen (Wald-, Wiesen- und Seenlandschaft) mit inselhafter vorstädtischer Besiedlung um historische Ortskerne im Übergang zum eher ländlich geprägten Raum der Spreeniederung und des Dahmelandes. Deutlich ausgeprägt ist die Scheidelinie zwischen urbanem Raum und Landschaftsraum auf der Linie Bohnsdorf im Süden und Friedrichshagen im Norden.Ursprünglich war der Bezirk - vornehmlich der Teilbezirk Treptow - ein historischer Standort der Chemie-, Elektro- und Metallindustrie. So war Treptow vor der Wende der zweitstärkste Industriebezirk der Hauptstadt der DDR (Elektrotechnik, Gerätebau, Chemie, Metallurgie, Maschinenbau, Fahrzeug- und Waggonbau). Die ökonomische und gesellschaftliche Transformation nach 1990 haben fast alle wichtigen Industriebetriebe nicht überstanden. Die Neuansiedlung von Gewerbe und die staatlich geförderten Wissenschafts-, Forschungs- und Gewerbeansätze, wie z.B. in Adlershof-Johannisthal oder Oberschöneweide, konnten die Transformationsverluste bis heute nicht annähernd kompensieren. Für die Freizeit und Naherholung der Berliner hatten beide Teilbezirke schon Ende des 19. Jahrhunderts Bedeutung erlangt. Diese Entwicklung insbesondere an der Fluss- und Seenlandschaft wurde vor allem durch die Erschließung des Gebiets über die Vorortbahn gefördert. Freizeit und Tourismus scheinen gegenwärtig einer der wenigen Bereiche zu sein, dessen Entwicklung die sozialökonomische Situation im Bezirk in Teilen stabilisieren könnte. 1.1.1 Touristisch relevante GegebenheitenTouristische Schwerpunkte und SehenswürdigkeitenAls touristische Schwerpunkte des Bezirks werden in den früheren Tourismuskonzeptionsentwürfen für Köpenick und Treptow von 1998 bzw. 1995 genannt:
1.1.2 Touristische Angebotsstruktur bzw. InfrastrukturErschließung (siehe Karte 13) 1.2 "Quellmärkte"Tourismus zu LandeDer hauptsächliche "Quellmarkt" für den Tourismus in Treptow-Köpenick sind die anderen Berliner Bezirke. Nach Befragungen im Sommer 1995 (Treptow) und im Sommer 1998 (Köpenick) erreichte ihr Anteil an den Touristen im Bezirk 62 % (Treptow) bzw. 67 % (Köpenick) (vgl. auch im folgenden die Tourismuskonzeptionen Treptow von 1995 und Köpenick von 1998). Diese Befragungsergebnisse entsprechen jenen Angaben, die in der Tourismusliteratur insbesondere für den Städtetourismus genannt werden. So heißt es z.B. bei Luft (2001: S. 35), dass "im Städtetourismus ( ) im allgemeinen dem Tagestourismus etwa zwei Drittel des touristisch induzierten Gesamtumsatzaufkommen einer Stadt zugerechnet" wird. Insbesondere die Neuköllner (Treptow) bzw. die Neuköllner, Hellersdorfer, Lichtenberger und Treptower (Köpenick) besuchten die beiden Teilbezirke. Der übrige Quellmarkt von Bedeutung liegt im Inlandstourismus. Hier dominierten 1995 bzw. 1998 nachvollziehbar und eindeutig die Besucher aus dem benachbarten Land Brandenburg (aus der engeren Region). Der Auslandstourismus spielt für den Bezirk mit 16 % der gemeldeten Übernachtungsgäste im Bezirk (2002) fast keine Rolle (vgl. Konter 2003). Zu fast zwei Dritteln (64 %) kamen 1995 die Besucher Treptows aus den anderen Bundesländern, hauptsächlich aus Brandenburg, mit dem Pkw oder Motorrad (MIV) und zu etwa einem Drittel (32 %) mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Besser schien 1998 die Bilanz des ÖPNV für den Bezirk Köpenick gewesen zu sein: Fast 50 % aller Gäste waren mit der Regionalbahn, S-Bahn, Tram und Bus nach Köpenick gekommen. Die Gäste mit Pkw und Motorrad erreichten nur einen Anteil von etwas über 34 %. (Vgl. Tourismuskonzeptionen Treptow von 1995 und Köpenick von 1998) Die ersten Trendergebnisse der derzeit im Tourismusverein laufenden "Besucherstromuntersuchungen" an ausgewählten Quell- und Objektpunkten (Juli bis August 2003 und September bis Oktober 2003) pointieren die Verteilung der "Quellen" des Tourismus für Treptow-Köpenick.
Große Hoffnungen werden in der lokalen Tourismuspolitik in die Entwicklung des Wassersports bzw. -tourismus gesetzt. Bis heute ist jedoch der Anteil des Wassertourismus am Gesamttourismus in der Destination Treptow-Köpenick nicht quantifiziert worden. In diesem Bereich liegen Wachstumspotenziale, die genutzt werden müssen. Dies kann einmal auf der Ebene des Tourismusmarketings z.B. durch Schaffung spezifischer Angebote und zum anderen auf der Ebene der planerischen Verortung von Möglichkeiten zur Ausübung des Wassersports geschehen. In einer vorliegenden Diplomarbeit (vgl. Giermann 2003) werden einige Angaben gemacht, die den Bereich Wassersport/Wassertourismus etwas näher charakterisieren. Im Übrigen fehlt noch eine eindeutige Definition, die den Gesamtbereich nochmals unterscheidet in Wassersport und Wassertourismus. Im Großen und Ganzen kann die Definition "Wassertourist" Geltung beanspruchen, die wir schon in der "Einführung" zu unserer Studie (S. 3) formuliert haben. Diese Definition ist in etwa dem Begriff "Wasserwanderer" gleichzusetzen, den Giermann in ihrer Diplomarbeit benutzt. Trotz oder gerade aufgrund dieser Eingrenzung des Begriffs ist es nur sehr schwer möglich, den "Wassertourismus" im engeren Sinne annähernd und realistisch zu quantifizieren. Auch die Untersuchung des Wassertourismus um die Altstadt Köpenick von Giermann kann dies nicht leisten. Dort heißt es an einer Stelle nur (die Quelle ist offensichtlich die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen), dass sich auf den Berliner Gewässern 24.000 Sportboote - d.h. bei einem angenommenen Durchschnitt von 3 Personen pro Boot 72.000 Wassersportler - bewegen würden. Was heißt dies jedoch für Treptow-Köpenick? Giermann liefert aber einige Daten, die es erlauben, zumindest in den Gewässern um die Altstadt Köpenick den Anteil der "Wasserwanderer" an der Gesamtzahl der gezählten Sportboote grob zu schätzen. Die Stichprobenuntersuchung um die Altstadt, die die Diplomandin im Sommer 2002 durchführte, erbrachte das Ergebnis, dass von den in der Altstadt befragten Sportbootfahrern zur Hälfte Berliner und davon etwa 15 % Einheimische (Treptow-Köpenicker) waren. Die übrigen kamen - leider nicht differenziert - vorrangig aus dem übrigen Bundesgebiet und - die wenigsten wohl - aus dem Ausland. Die um die Altstadt gezählte Kerngruppe der "Wassertouristen" umfasst also zu einen Anteil von etwa 90 % Besucher aus dem übrigen Berlin und aus den (nahen) Bundesländern sowie zu einem vermutlich sehr geringen Teil Besucher aus dem Ausland. Eine Hochrechnung dieser Verhältnisse auf die Gesamtberliner Ebene und eine Rückrechnung auf die Treptow-Köpenicker Ebene ist ein schwieriges Unterfangen, da sich die wassertouristisch bzw. -sportlich relevante Ausstattung des Bezirks von derjenigen der übrigen Berliner "Wasserbezirke" unterscheidet. So besitzt Treptow-Köpenick z.B. im Vergleich zum Berliner Durchschnitt (6,5 %) einen doppelt so hohen Anteil der Wasserflächen (13 %) an der Fläche des Bezirks. Wirkliche Aufklärung kann nur eine eigene Datenerhebung erbringen - eine Datenerhebung, die die heterogene Zusammensetzung der Gesamtgruppe Wassersportler bzw. -touristen angemessen berücksichtigt. Die Arbeit von Giermann (vgl. Giermann 2003: S. 72 f) gewährt darüber hinaus einen Einblick in die demographische und soziale Struktur der "Wasserwanderer" bzw. Wassertouristen. Sie sind zu fast zwei Dritteln über 50 Jahre alt, leben überwiegend in Zwei-Personenhaushalten und gehören sicherlich zur Gruppe mit höherem Einkommen. Immerhin machte etwa ein Sechstel der befragten "Wasserwanderer" einen Ausflug auf heimischen Gewässern (Treptow-Köpenicker). 1.3 Nachfragepräferenzen, Freizeit- und Reiseverhalten, Folgerungen für die DestinationDie allgemeinen Nachfragepräferenzen im Inlandstourismus, d.h. von Urlaubern,
Tagesbesuchern, Erholungssuchenden und Kurzurlaubern sowie die sozialen,
demographischen und verhaltensbezogenen Veränderungen auf der Nachfrageseite
stellen veränderte und differenziertere Anforderungen an die Destination
und an die Anbieter touristischer Produkte und Dienstleistungen. 1.3.1 Nachfragepräferenzen
1.3.2 Veränderungen im Freizeit- und ReiseverhaltenSeit den letzten Jahrzehnten geht der Trend im Tourismus zu eher spontanen, kürzeren, häufigeren und intensiveren Reisen. Dabei hat sich im Zusammenhang mit dem Struktur- und Wertewandel in der Gesellschaft auch der Zusammenhang zwischen Alltag und Urlaub bzw. Freizeit verändert. Urlaub und Freizeit sind nicht mehr "Anhängsel des Arbeitslebens". Sie haben sich verselbständigt und scheinen nun zum Eigentlichen, zum Positiven am und im Leben geworden zu sein. Urlaub und Verreisen sind Teil des Lebensstils. Zugleich differenzieren sich im gesellschaftlichen Individualisierungsprozess entsprechend der sich herausbildenden sozialen und Lebensstilgruppen die Typen von Touristen: Vielreisende, Eventtouristen, Städtetouristen, Caravaning-Touristen, Wellnesstouristen, Abenteuertouristen, Extrem- oder Risikotouristen usw. (vgl. Freyer 2001: S. 27 ff; Opaschowski 2002: S. 261 ff/270 ff; Becker/Job/Witzel 1996: S. 17 ff; Ullmann 2000: S. 70 ff; Held 2002: S. 42 ff; Grashoff 2002: S. 88 f).Erlebnis ist heute zum Schlüsselwort im Tourismus und die Inszenierung der Einmaligkeit des Erlebens z.B. durch Events (vgl. Opaschowski 2002: S. 241 ff) zu einem der zentralen Qualitätskriterien des Tourismus geworden. Mit dem wachsenden Wohlstand, der Verlängerung der Urlaubsdauer und mit den touristischen Erfahrungen sind die Reisen alltäglicher und die Ansprüche der Nachfrager an die Destinationen gestiegen. Der Urlaub muss perfekt organisiert und zugleich Raum für Illusionierungen bieten. Die Anbieter touristischer Produkte und Dienstleistungen sehen sich zunehmend einer "Anspruchsrevolution" (Opaschowski) von der Nachfragerseite her ausgesetzt. Diese Ansprüche auf Perfektion, Illusion und Erlebnis treiben eine ganze Branche in Existenzprobleme. Als Faktoren des Strukturwandels auf der touristischen Angebotsseite werden - kurz zusammengefasst - die steigenden Ansprüche der Nachfrager, die Diversifizierung der Zielgruppen und der wachsende Wettbewerbsdruck genannt. In diesem Zusammenhang sind auch Veränderungen in der Altersstruktur der Touristen (als allgemeine Kategorie) zu beachten. Die Reisenden werden immer älter, im demographischen Segment "Alte" jedoch mobiler und aktiver (insbesondere die sogenannten "Jungen Alten" mit höherem Einkommen). Im "Senioren-Reisemarkt" liegt ein Wachstumspotenzial gerade für den Inlandstourismus. (Vgl. u.a. Luft 2001: S. 45 ff) Der Anteil der "Familienreisen" mit ihren spezifischen Bedarfen und Zeitkorridoren (z.B. Urlaubsreisen in der Hochsaison) gehen weiter zurück zu Gunsten von "Paar-" und Einzelreisen mit höheren Bedürfnissen nach touristischer Ausstattung und höheren Anforderungen an die Flexibilität der Anbieter. Inlandstourismus Mit der Erhöhung und Verbilligung der Mobilität haben die inländischen Ferienregionen immer mehr Marktanteile im Tourismus zugunsten der ausländischen Destinationen verloren. Die Reiseströme haben sich in den letzten drei Jahrzehnten geradezu umgekehrt (1960: 69 % Inlandsreisen zu 31 % Auslandsreisen; 2000: 31 % Inlandsreisen zu 69 % Auslandsreisen). Der Verdrängungswettbewerb zwischen den Destinationen hat merklich zugenommen. Dabei gewann die Küste gegenüber den Bergen immer mehr die Gunst der Inlandstouristen. Trotz weiter fallender Tendenz im Inlandstourismus wird Deutschland offenbar zum "Kurzurlaubsland - für die Bundesbürger genauso wie für die ausländischen Städte- und Kulturtouristen". (Vgl. Freyer 2001: S. 11 f/91 f; Luft 2001: S. 41 ff; Opaschowski 2002: S. 154) Den Vermarktern des Inlandstourismus bietet sich nun die Chance, mit Blick auf die Kurzurlauber, die Wochenendtouristen und die Tagesbesucher Konzepte "Neuer Nähe" regionaler Besonderheiten, Geschichte und Kultur in Form von Kurz-, Erlebnis-, Kultur- und Städtereisen zu entwickeln. Von der Wissenschaft wird sogar vorgeschlagen, "Raumpartnerschaften zwischen Verdichtungs- und Erholungsräumen", also zwischen sogenannten "Kontrasträumen", zu schließen, die nicht zuletzt "Gestaltungschancen" im Sinne von "Nachhaltigkeit" böten (vgl. Heinze 2003). Städtetourismus Die Großstädte im Inland und im nahen europäischen Ausland erlebten im Jahrzehnt vor dem allgemeinen touristischen Einbruch im Jahr 2002 Zuwächse im Tourismus. Mit dem Trend zu Kurzreisen wuchs der Städtetourismus. Die Attraktivitätssteigerung der Großstädte gründet auf touristischen Angeboten, die "Sightseeing und Lifeseeing (Eventbesuche)" (Opaschowski) kombinieren. Dabei liegt die touristische Bedeutung gerade der Metropolen "nicht in einer elitären Exzentrik", "sondern in der repräsentativen Zusammenziehung eines Landes ( )" (Held 2002: S. 51). Die deutsche Hauptstadt Berlin ist für die Deutschen ein Lieblingsziel ihrer Städtereisen im Inland; sie liegt (mit 17 %) an der Spitze des Städtetourismus im Inland und wird nur von Paris (19 %) im Städtetourismus der Deutschen überflügelt. Die Städtetouristen sind eher Besserverdienende und Höhergebildete. (Vgl. Opaschowski 2002: S. 257 ff; Held 2002: S. 49 ff) Auf der anderen Seite - dies wird in der Tourismusforschung oft unterschlagen - verreisen in der Bundesrepublik etwa 47 % der Menschen über 14 Jahren nicht; es sind die "Daheimurlauber" (Opaschowski) (vgl. hierzu und im folgenden Freyer 2001: S. 80 f). Für diese Gruppe sind ein gut erreichbares Naherholungsgebiet und/oder Möglichkeiten für einen Stadturlaub unverzichtbar. Dieser Kreis von "Stadturlaubern" wird zukünftig mit Sicherheit immer größer. Für das Nichtreisen werden überwiegend (40 %) ökonomische Gründe genannt (z.B. Geringverdienende, Arbeitslose). Diesen Gründen folgen gesundheitliche Gründe (insbesondere Ältere), aber auch "motivationale Schwierigkeiten" (z.B. Angst vor Veränderung usw.) und Immobilitätsgründe. Es zeichnet sich auch im Bereich Urlaub eine soziale Differenzierung ab, "eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Mobilen (vor allem Jüngere mit höherem Bildungsgrad, Job und höherem Einkommen - E.K.) und Immobilen (vor allem Alleinerziehende mit niedrigerem Einkommen, Arbeitslose und Rentner - E.K.)" (Opaschowski). "Insbesondere Großstädte und Ballungszentren werden sich zukünftig mehr auf den Erlebniswert des Urlaubs zu Hause und auf den Typus des Stadturlaubers einstellen müssen" (Opaschowski 2002: S. 105). Ohne Zweifel lässt sich die Stadt bzw. die Großstadtregion, wie z.B. der Berliner Raum, selbst als "urbaner Kontrastraum" betrachten, d.h. als Kontrast zwischen materialisierter Gewordenheit, dynamischer Gegenwart und aufscheinender Zukunft (zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen und individuellen Raumzeitmustern) oder als Kontrast zwischen innerstädtischen, randstädtischen und vorstädtischen Räumen bzw. zwischen Zentren und Peripherien. Eine Stadt als kontrastreicher und attraktiver Freizeitbereich und Erlebnisraum fordert nicht nur zusammenhängende Wegenetze zur Erschließung der Destination durch Radfahren und Wandern, sondern auch einen freizeit- und urlaubsfreundlichen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. "Ausflugsverhalten der Berliner" Seit einiger Zeit liegt eine Untersuchung des Instituts für Tourismus der Freien Universität Berlin über das "Ausflugsverhalten der Berliner 1998" (Haedrich/Klemm/Lütters o.J.) vor. Auch wenn diese Untersuchung (telefonische Interviews im Januar 1999) schon über 4 Jahre alt ist und in ihren Frage- und Problemstellungen eine andere Zielsetzung verfolgte, so bleiben einige Aussagen für unsere Thematik von nicht zu unterschätzender Relevanz. Nur die wichtigsten Ergebnisse, die für die Destination Treptow-Köpenick von Bedeutung sein können, sollen hier in aller gebotenen Kürze referiert werden. Auf die Frage nach den wichtigsten Ausflugszielen nennen die mit Abstand meisten befragten Berliner (ohne großen Unterschied zwischen West und Ost) das Nahziel Potsdam. Dabei unternahmen über 40 % der Befragten im Jahr mehr als 10 Ausflüge in das Berliner Umland. Über 12 mal im Jahr zog es die Berliner in das Land Brandenburg. Fast zwei Drittel der Ausflügler besuchten Potsdam. Als nächstes Zielgebiet folgte der Spreewald mit etwas über einem Drittel Berliner Besucher. Auch bei den zukünftigen Tagesausflügen (über 90 %) der Berliner steht Potsdam mit Abstand an der Spitze der Ausflugsziele (fast 85 %). Über die Motive für ihre Tagesausflüge befragt, gaben die Berliner an:
Als Aktivitäten, die sie während ihres letzten Ausflugs unternommen haben, benennen die Befragten
Sportliche Aktivitäten rangieren erst danach. Der Wassersport wird erst an
vorletzter Stelle (unter 4 %) angeführ 1.3.3 Folgerungen für die DestinationAus den einführenden Darlegungen zur Destination Treptow-Köpenick und ihren Beständen sowie aus der Darstellung der Nachfragepräferenzen und der Veränderungen im Freizeit- und Reiseverhalten lassen sich allgemeine entwicklungsrelevante Folgerungen für die Destination formulieren. Es lässt sich mit einigem Recht vermuten, dass Treptow-Köpenick im Rahmen seiner Möglichkeiten durchaus Entwicklungschancen als touristische Destination hat. Die wichtigsten touristischen "Quellmärkte" des Bezirks sind hauptsächlich die übrigen Berliner Bezirke und mit etwas Abstand das Brandenburger Umland (Ausflügler und Tagesbesucher). Erst danach folgen die Besucher aus den übrigen Bundesländern. Die Gäste aus dem übrigen Berlin und der Inlandstourismus werden auch in Zukunft höchste Priorität im Tourismus des Bezirks besitzen. Gerade die Veränderungen im Reiseverhalten und die Nachfragepräferenzen im Inlandstourismus sprechen deutlich für diese Hypothese. Obwohl mit Freizeit und Urlaub immer eine "Fluchttendenz" (Opaschowski), d.h. das Reisen bzw. die Ortsveränderung, untrennbar verbunden zu sein scheint und im Falle Treptow-Köpenick zumindest für die Berliner die "Dimension von Weite" fehlt, erscheinen Entwicklungsmöglichkeiten im Tourismus dann realistisch, wenn es gelingt, das Bedürfnis nach der "Dimension der Weite" durch die Attraktivierung der "Nähe" zu kompensieren. Die Destination Treptow-Köpenick stellt einen für seine potenziellen Nachfrager gut erreichbaren und erschlossenen "Kontrastraum" erster Güte dar. Dieser Bezirk bietet komplexe raumzeitliche Schichtungen, Verknüpfungen und Überlagerungen von hoch verdichteten urbanen Räumen, Randstadtbereichen mit "grünen" Einlagerungen, kleinstädtischen Siedlungsstrukturen und ausgedehnten Fluss-, Seen-, Wiesen- und Waldlandschaften mit vorstädtischen Siedlungsinseln - ein "Kontrastraum" mit einer deutlichen Scheidelinie zwischen urbanem Raum und Landschaft. Zugleich ist die Innenstadt der bundesdeutschen Hauptstadt mit ihren international bedeutenden historischen und neuen Zentren, Einrichtungen, Bauten, Bauensembles, Plätzen und Parkanlagen gut und schnell zu erreichen. Hier können die touristischen Entwicklungschancen für den Bezirk liegen - und zwar in Anbetracht des Trends zum Kurz- und Wochenendurlaub, zum Zweit- und Dritturlaub, zu Erlebnis-, Kultur- und Städtereisen. Nicht zuletzt könnte Treptow-Köpenick mit einem eigenständigen Tourismusmarketing und entsprechenden touristischen Angeboten von der Beliebtheit Berlins bei Erlebnis-, Kultur- und Städtetouristen im In- und Ausland profitieren. Die Nachfragepräferenzen der neuen Touristentypen, "Ruhe und Erholung", "Bildung und Entspannung" in gut abgestimmter Kontrastierung von Entspannung und Erlebnis, von Rückzug und sozialem Kontakt, von Gewohnheit und Abwechslung, von Anregung und Inszenierung, von Ruhe und Aktion (Event), lassen sich im "Leopardenfell" Treptow-Köpenick - zumindest potenziell und mit einigen Bemühungen - durchaus einlösen. Mit einigen Anstrengungen der lokalen Akteure im Tourismusbereich könnten auch den Interessen der Nachfrageseite an intakten, gestalteten und gepflegten Landschafts- und Stadträumen, an einer guten und erkennbaren Erschließung der touristischen Bestände und Potenziale (durch "Touristische Leitsysteme") sowie an einer angemessenen ortsspezifischen Ausstattung mit touristischer Infrastruktur und Erlebnisbereichen entsprochen werden. Gerade im "Ausflugsverhalten der Berliner" sind Chancen für die Destination Treptow-Köpenick zu entdecken. Die Motive, z.B. "Natur erleben", "abschalten, ausspannen" oder "spazieren gehen, wandern", und die Erwartungen der Berliner, z.B. "Natur und Landschaft", "Wälder und Parkanlagen", "Seen, Gewässer und Flüsse" oder "Ruhe, Stille und Abgeschiedenheit", die für ihre Zielwahl im Brandenburger Umland von Bedeutung sind und sich kaum von den genannten allgemeinen Nachfragepräferenzen unterscheiden, kann dieser Bezirk ebenso erfüllen. Hier ließen sich mit Blick auf die Gäste aus dem übrigen Berlin und der nahen Brandenburger Region Konzepte "Neuer Nähe" regionaler Besonderheit, Geschichte und Kultur für Ausflügler und Tagesbesucher entwickeln, die auch für die übrigen Inlandstouristen offen stehen könnten - Konzepte, die "Gestaltungschancen" in Richtung "Nachhaltigkeit" im Tourismus eröffnen. Treptow-Köpenick als Nahdestination für die Berliner könnte sogar gesamtstädtische Funktionen für Berlin übernehmen. Zum einen könnte diese Destination in Konkurrenz zu den Nahzielen in Brandenburg (z.B. Potsdam) den Abfluss Berliner Nachfrage bzw. Kaufkraft im Tourismusbereich in das Brandenburger Umland verhindern. Zugleich wäre damit die Möglichkeit eröffnet, aufgrund der guten Erschließung des Bezirks durch den öffentlichen Verkehr und der Verringerung der Ausflugsdistanz den Ausflugsverkehr der Berliner tendenziell von der Straße auf den ÖPNV zu verlagern. Zum anderen wäre es für den Bezirk sicherlich nicht von Nachteil, wenn die Tourismuspolitik, das Tourismusmarketing und die Tourismuswirtschaft vor Ort ihr Augenmerk auch auf eine wachsende Gruppe von möglichen Ausflüglern bzw. Tagesbesuchern richten würde, auf die "Daheimurlauber" oder "Stadturlauber", die aus vornehmlich sozialen Gründen nicht verreisen können. Solche gesamtstädtisch orientierten ökonomischen und sozialen Funktionen können nur erfüllt werden, wenn sich die Akteure im lokalen Tourismussektor auf die neuen Aufgaben und die entsprechende Nachfrage einstellen und die touristischen Bestände und Potenziale der Destination vorrangig über einen freizeitfreundlich ausgebauten öffentlichen Nahverkehr zu Land und zu Wasser, durch zusammenhängende Rad-, Wander- und Wasserwegenetze und integrierte "Leitsysteme" erschlossen sind. Darüber hinaus müssten entsprechende, vielfältige touristische Angebotspakete oder frei kombinierbare Angebotsmodule unter Einschluss der An- und Abreise entwickelt werden. Die Erfüllung der angesprochenen Funktionen könnte als Schritt in Richtung "Nachhaltigkeit" im Tourismus gewertet werden. |
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