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B. Orientierungs- und Handlungsrahmen für die Entwicklung des Tourismus

(Tourismuskonzeption)

Vorbemerkungen

Ursachen, Situationen und Ereignisse veranlassen Akteure dazu, einen Bedarf nach Konzeptionen zu formulieren, die ihrem Alltagshandeln Grundlage und Begründung sowie Ziele und Orientierung liefern sollen. Die Formulierung von möglichen Zukünften sowie von Wegen dorthin erscheinen insbesondere in Krisenzeiten von wachsender Bedeutung zu sein. Ebenso können Veränderungen in den Rahmenbedingungen für weiteres Handeln und das entsprechende "Veralten" vorhandener konzeptioneller Überlegungen Anlass sein, nicht nur diese Überlegungen fortzuschreiben oder den Veränderungen angemessene Modifikationen der relevanten Inhalte vorzunehmen. Die administrative Neuordnung des Berliner Südostraumes im Zuge der Verwaltungsreform, d.h. die Zusammenlegung der Bezirke Treptow und Köpenick zu einem Bezirk, und die krisenhafte Entwicklung im lokalen Tourismus und in der lokalen Tourismuswirtschaft ließen es den politisch Verantwortlichen in diesem Bezirk nützlich erscheinen, im Rahmen eines Projektes zur Lage und möglichen Zukunft der lokalen Tourismuswirtschaft eine neue, den allgemeinen wie ortsspezifischen strukturellen Wandlungen angemessene Tourismuskonzeption als Orientierungs- und Handlungsrahmen für die lokale Tourismusentwicklung erarbeiten zu lassen.

Tourismuskonzeptionen leiden in der Regel am Mangel an aktuellen Daten über den Bestand und die Potenziale sowie über die Chancen und Risiken sowohl auf der Angebotsseite der Destination als auch auf der Nachfrageseite der "Touristen" (Sammelbegriff für Tagesbesucher, Urlauber und Geschäftsreisende). Solche Schwierigkeiten und Probleme gelten uneingeschränkt auch für das Bemühen, eine möglichst konkrete, d.h. annäherungsweise die Destination wie auch die touristischen Quellgebiete erfassende Tourismuskonzeption für Treptow-Köpenick zu erarbeiten. Die Schwierigkeiten und Probleme potenzieren sich, wenn innovative Konzepte entwickelt werden - Konzepte, die den Sozialraum analytisch wie konzeptionell einbeziehen sowie das Konzept der "Nachhaltigkeit" zur Grundlage haben. So mussten wir uns bei der Entwicklung einer zukunftsfähigen Tourismuskonzeption für diesen Bezirk mit Trendaussagen und Annäherungen begnügen, die im Verlauf der Projektarbeit - soweit möglich - Schritt für Schritt mit detaillierten Aussagen untersetzt wurden.

1. Touristische Bestände des Bezirks


Eine aussagekräftige, raumbezogene und maßnahmenorientierte Tourismuskonzeption für den Bezirk Treptow-Köpenick kann nur auf der Grundlage detaillierter Aufnahmen und Analysen lokaler tourismusrelevanter Bestände formuliert werden:

1. Auf der Ebene der Destination:
(1.1) der touristisch relevanten Gegebenheiten (Siedlungs- und Landschaftsstuktur),
(1.2) der touristischen Angebotsstruktur (lokale Tourismuswirtschaft) bzw. Infrastruktur
(Erschließung, infrastrukturelle Ausstattung);

2. auf der Ebene der "Quellmärkte":
(2.1) der touristischen Nachfragestruktur (Urlauber, Tagestouristen, Naherholer, Geschäftstourismus usw.)

Die Bestandsaufnahmen und -analysen der lokalen Tourismuswirtschaft sowie der touristischen Objekte, Gegebenheiten, Potenziale und Hemmnisse, die die Projektgruppe durchgeführt hat, haben hier eine wesentliche Verbesserung gebracht. Die in der lokalen Tourismuswirtschaft herrschende hohe Fluktuation und Instabilität erfordern eine periodische Aktualisierung der Daten, da diese einem dauernden Veralterungsprozess unterliegen.

Die Ausstattung des Bezirks Treptow-Köpenick mit touristisch relevanten Objekten und Potenzialen (insbesondere Gebäude, Ensembles und Siedlungsteile) ist schon im Zusammenhang mit der Entwicklung touristischer Leitsysteme insbesondere zu Lande (vgl. Konter 2002) erhoben worden. In diesem Zusammenhang wurde auch die Erschließung dieser Objekte und Potenziale untersucht bzw. entworfen.

Im Falle der Datenlage zur Nachfrage nach touristischer Ausstattung und touristischen Leistungen deutet sich eine Aktualisierung der Daten an. Im Tourismusverein Berlin Treptow-Köpenick e.V. wurden erst jüngst an bestimmten touristischen "Quellpunkten" der Destination und in ausgewählten Betrieben des Beherbergungsgewerbes Befragungen zur Herkunft, Eindrücken und Wünschen der Besucher bzw. Gäste durchgeführt.

1.1 Destination

Der Bezirk Treptow-Köpenick ist der südöstliche, der flächenmäßig größte und der am dünnsten besiedelte Außenbezirk Berlins. Wie eine Trompete öffnet sich der Bezirk vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zwischen Neukölln im Süden sowie Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf im Norden zum Land Brandenburg im Norden, Osten und Süden (Landkreise Märkisch-Oderland, Oder-Spree und Dahme-Spreewald). Der Bezirk ist ein "Kontrastraum par excellence". Der Bezirk reicht von der Berliner Innenstadt, einem hoch verdichteten urbanen Raum, über eine randstädtische Zone mit "grünen Einlagerungen" (Parks und Freiräume) bis zu ausgedehnten und wasserreichen Landschafträumen (Wald-, Wiesen- und Seenlandschaft) mit inselhafter vorstädtischer Besiedlung um historische Ortskerne im Übergang zum eher ländlich geprägten Raum der Spreeniederung und des Dahmelandes. Deutlich ausgeprägt ist die Scheidelinie zwischen urbanem Raum und Landschaftsraum auf der Linie Bohnsdorf im Süden und Friedrichshagen im Norden.

Ursprünglich war der Bezirk - vornehmlich der Teilbezirk Treptow - ein historischer Standort der Chemie-, Elektro- und Metallindustrie. So war Treptow vor der Wende der zweitstärkste Industriebezirk der Hauptstadt der DDR (Elektrotechnik, Gerätebau, Chemie, Metallurgie, Maschinenbau, Fahrzeug- und Waggonbau). Die ökonomische und gesellschaftliche Transformation nach 1990 haben fast alle wichtigen Industriebetriebe nicht überstanden. Die Neuansiedlung von Gewerbe und die staatlich geförderten Wissenschafts-, Forschungs- und Gewerbeansätze, wie z.B. in Adlershof-Johannisthal oder Oberschöneweide, konnten die Transformationsverluste bis heute nicht annähernd kompensieren.

Für die Freizeit und Naherholung der Berliner hatten beide Teilbezirke schon Ende des 19. Jahrhunderts Bedeutung erlangt. Diese Entwicklung insbesondere an der Fluss- und Seenlandschaft wurde vor allem durch die Erschließung des Gebiets über die Vorortbahn gefördert. Freizeit und Tourismus scheinen gegenwärtig einer der wenigen Bereiche zu sein, dessen Entwicklung die sozialökonomische Situation im Bezirk in Teilen stabilisieren könnte.

1.1.1 Touristisch relevante Gegebenheiten

Touristische Schwerpunkte und Sehenswürdigkeiten

Als touristische Schwerpunkte des Bezirks werden in den früheren Tourismuskonzeptionsentwürfen für Köpenick und Treptow von 1998 bzw. 1995 genannt:
  • der Treptower Park mit Archenhold-Sternwarte, Sowjetischem Ehrenmal, Rosengarten, historischer Gaststätte Zenner und Abtei-Insel,
  • der Plänterwald mit dem Spreepark,
  • das ehemalige Rathaus Johannisthal mit Heimatmuseum,
  • die Altstadt Köpenick und der Kietz,
  • Friedrichshagen, vor allem die Bölschestraße bis zum Müggelsee,
  • die Müggelberge mit dem Südufer des Müggelsees,
  • die Wuhlheide mit dem Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ),
  • der Wasserturm Altglienicke,
  • der Dorfanger Bohnsdorf,
  • die Gartenstadt Falkenberg (Bruno Taut),
  • Grünau mit dem Regattagelände,
  • der Dorfkern Rahnsdorf mit der Siedlung Neu-Venedig und den Villenkolonien Wilhelmshagen und Hessenwinkel in der Nachbarschaft,
  • der Ortskern Schmöckwitz, Karolinenhof und Rauchfangswerder sowie
  • der Ortskern Müggelheim.


Davon haben in den letzten Jahren insbesondere der Freizeitpark im Plänterwald (Spreepark), das Müggelturmareal und das Gebiet um die Regattastrecke Grünau einen unübersehbaren Niedergang erlebt. Heute haben diese Gebiete jede touristische Attraktivität verloren und sind als Problemgebiete zu betrachten.

Freizeitangebote

Die Freizeitangebote des Bezirks, kulturelle Einrichtungen wie Veranstaltungsstätten für Musik und Kleinkunst, Sportstätten, Kultur- und Volkshäuser, Museen, Galerien, Ateliers usw., sind durchaus zahlreich und vielseitig. Diese Angebote zeichnen sich traditionell durch Streulagen im bebauten Gebiet aus. Schwerpunktsetzungen und ihre Verknüpfungen untereinander sind nur mit einigem Aufwand durchzusetzen.

Wassersport bzw. -tourismus

Der Wassersport bzw. -tourismus spielt traditionell im Bezirk, insbesondere im Teilbezirk Köpenick durchaus eine Rolle. Dafür spricht alleine schon der hohe Flächenanteil und die landschaftliche Attraktivität der Wasserflächen. Unsere Recherchen im Frühjahr dieses Jahres brachten 14 Bootsverleihunternehmen, 12 Bootsausrüster und -bauer sowie 6 Marinas zu Tage. Dieser Bereich unterliegt offensichtlich einer hohen Fluktuation.

Unverkennbar sind aber auch die infrastrukturellen Mängel und Defizite für den Wassertourismus. Mängel und Defizite bestehen insbesondere im Bereich der Ver- und Entsorgungseinrichtungen für Wassertouristen (z.B. wassernaher Einzelhandel und Wassertankstellen). Ebenso sind insbesondere in touristisch bedeutsamen Stadtbereichen weitere öffentliche Anlegemöglichkeiten für private Sportboote zu schaffen oder aufgelassene zu reaktivieren.

1.1.2 Touristische Angebotsstruktur bzw. Infrastruktur

Erschließung (siehe Karte 13)

Die Destination Treptow-Köpenick ist im Großen und Ganzen zu Lande und zu Wasser verkehrlich gut erschlossen. Das Rückgrad der Erschließung bildet das öffentliche Verkehrssystem. Zwei S-Bahntrassen mit Regionalbahnverknüpfungen im Südwesten und Norden durchschneiden den Bezirk fast in seiner ganzen Länge. Als Erschließungsgerüst verbinden sie die Berliner Innenstadt mit den Außenbezirken und dem Berlin/Brandenburger Umland sowie mit dem Flughafen Schönefeld. Dieses Grundgerippe wird ergänzt und erweitert durch eine Tiefenerschließung der Gebiete zwischen und außerhalb der beiden Haupttrassen mittels Straßenbahnnetz und Buslinien. Über dieses öffentliche Verkehrssystem lassen sich nicht nur die von der BTM dem Bezirk offiziell zugestandenen Sehenswürdigkeiten gut erreichen, sondern auch die touristischen Potenziale im gesamten Siedlungsgebiet (vgl. Konter 2002). Eine Erweiterung oder Differenzierung wäre nur punktuell begrüßenswert. Das Problem liegt eher in der Taktfrequenz des Verkehrs insbesondere für die Tiefenerschließung abseits des Hauptverkehrsnetzes.

Die straßenseitige Erschließung der Destination (für den MIV) ist ebenfalls als vollkommen ausreichend zu bezeichnen. Auch hier ist eine von der Innenstadt ausgehende Südostausstreckung des Hauptstraßensystems mit Abzweigungen in die Nachbarbezirke Neukölln, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf sowie in die angrenzenden Landkreise zu erkennen - ein System, das in den bebauten Gebieten durch völlig ausreichende Erschließungsnetze vervollständigt wird. Erweiterungen oder Ergänzungen sind nur in Ausnahmefällen notwendig. Ein Problemschwerpunkt stellt z.B. die Altstadt Köpenick dar. Die Altstadt leidet unter dichtem Durchgangsverkehr - einmal quer durch die Altstadt selbst und zum anderen tangiert durch eine stark frequentierte Verkehrstrasse (Müggelheimer Straße). Eine gewisse Erleichterung für die Altstadt (Alt-Köpenick) brachte die Umleitung des Nord-Süd-Verkehrs über eine neue Spreebrücke in Spindlersfeld (westliche Altstadtumgehung). Das Problem der Durchschneidung des Schlossplatzes und der Trennung des Schlosses von der Altstadt ist jedoch ungelöst. Zur Zeit wird öffentlich ein fachlich sehr umstrittener Vorschlag des Bezirksamtes diskutiert, die Altstadtinsel mit Ausnahme der Müggelheimer Straße rigoros vom Durchgangsverkehr zu befreien.

Die Erschließung für den MIV wäre grundsätzlich ausreichend, wenn da nicht das Problem des ruhenden Verkehrs an ganz zentralen Stellen wäre, so z.B. am Treptower Park, in der Altstadt Köpenick, in Grünau oder am Nordufer des Müggelsees - und dies trotz vorhandener P+R-Plätze und Parkplätze für den Ausflugsverkehr (viele davon liegen aber auf Forstgelände oder in Trinkwasserschutzgebieten - eine besondere Problematik).

Die weitere Erschließungsinfrastruktur, insbesondere das Wander- und Radwegenetz, ist wie das übrige Verkehrsnetz - im Einzelfalle mehr oder weniger - in der Lage, den vorhandenen Bestand an Sehenswertem oder Erlebniswertem ausreichend schnell und bequem zu erfassen. Erweiterungen sind nur punktuell notwendig. Problematisch ist hingegen der Zustand dieses Wegesystems. Hier wären dringend Bestandsaufnahmen durchzuführen.

Unverkennbar ist Treptow-Köpenick der am besten für den Wassersport und -tourismus erschlossene Bezirk Berlins. Daneben exstieren noch eine Reihe von kleinen Fährverbindungen, die jedoch nur ausreichend Übergänge über die Flüsse schaffen. Im Jahre 2002 gab es 12 öffentliche Anlegestellen im Bezirk, die ausreichend Übergänge zwischen Wasser und Land schufen. Die Gesamtsituation lässt sich verbessern, wenn die vorhandenen Lücken durch Reaktivierung von ehemaligen, nun stillgelegten Anlegestellen geschlossen würden. Günstig für den Wassertourismus wirkt sich vor allem die fast flächendeckende Ausstattung der Wasserlagen mit dem Hinweissystem "Gelbe Welle" aus, das den Wassertouristen über den Anlegeort und seine Ausstattung informiert. Von den 49 Gastliegeplätzen sind immerhin 31 mit der "Gelben Welle" ausgestattet.

Die "Gelbe Welle" soll in absehbarer Zeit in ein flächendeckendes "Wassertouristisches Leitsystem" integriert werden (vgl. Konter 2002). Die Berlinweite Einführung eines solchen Systems ist beabsichtigt. Es wird dann auch darauf ankommen, die Leitsysteme zu Wasser mit den Leitsystemen zu Lande und die wasserseitigen Angebote mit den landseitigen nachvollziehbar und nutzungsfähig zu verknüpfen.

Touristisch infrastrukturelle Ausstattung (siehe: A. Lokale Tourismuswirtschaft und Karte 12)

Die Ausstattung des Bezirks mit touristischer Infrastruktur scheint auf den ersten Blick ausreichend zu sein, so z.B. existieren genügende Kapazitäten im Beherbergungsgewerbe, in der Gastronomie, in den Freizeitangeboten und im Serviceangebot. Zwei Besonderheiten sind aber in diesem Bereich festzuhalten, einmal die hohe Bedeutung des Wassersports und -tourismus und somit das hohe Angebot an entsprechenden Produkten und Dienstleistungen sowie zum anderen das die Siedlungsstruktur verstärkende "Leopardenfell" von hoher touristisch infrastruktureller Dichte, Streuung und Leere.

In den wichtigsten Ortsteilen des Teilbezirks Köpenick, in der Altstadt Köpenick und in Friedrichshagen, lässt sich eine Verdichtung des touristisch infrastrukturellen Raumes feststellen, die durch die Raumstruktur der Gastronomie gebildet und durch die Standorte des Beherbergungsgewerbes ergänzt wird. Räumliche Streuungen der touristischen Infrastruktur sind hingegen in Grünau, Wendenschloss und in Rahnsdorf zu finden. In den genannten Ortsteilen befinden sich auch die übrigen tourismuswirtschaftlichen Branchen. In den Ortsteilen Hessenwinkel, Müggelheim und in Schmöckwitz/Karolinenhof dominieren hingegen das Beherbergungsgewerbe und andere Branchen (Alt-Schmöckwitz) die örtliche touristische Infrastruktur. Auf der anderen Seite gibt es im Teilbezirk Köpenick auch Ortsteile, in denen die touristische Infrastruktur wiederum fast ausschließlich aus der Gastronomie besteht, so z.B. in Oberschöneweide, in Adlershof und in der Dammvorstadt.

Wie der "Wirtschaftsraum Tourismus" beschränkt sich die Verteilung der touristischen Infrastruktur mit wenigen Ausnahmen auf das bebaute Gebiet des Bezirks. Diese räumliche Beschränkung ist in bestimmten touristisch relevanten Landschaftslagen durchaus als Defizit in der infrastrukturellen Ausstattung zu interpretieren, so z.B. im Plänterwald und in den touristisch zugänglichen Müggelbergen. Diese Interpretation lässt sich - wie im Falle des touristischen Wirtschaftsraumes - nur im Zusammenhang mit der "Verräumlichung" der touristischen Potenziale des Bezirks bestätigen. Auf der anderen Seite existieren aber auch ausgesprochene touristisch infrastrukturelle Leerstellen oder Diasporasituationen im bebauten Gebiet, so z.B. in der Wissenschafts- und Medienstadt Adlershof und im benachbarten Ortsteil Altglienicke.

Die touristisch infrastrukturelle Ausstattung des Bezirks ändert sich ständig - wohl nicht so sehr in ihrer Gesamtstruktur, aber in ihren Einzelheiten oder Teileinheiten. Dies ist auf die in der Regel recht "dynamische" Entwicklung der touristischen Unternehmen und Betriebe zurückzuführen, die aufgrund der vorherrschenden Betriebsstruktur - insbesondere Kleinst-, Klein- und Mittelbetriebe - sehr empfindlich auf wirtschaftlich strukturelle und konjunkturelle, ja sogar saisonale Bewegungen reagieren. Die touristische Infrastruktur des Bezirks vor allem in Streulagen stößt dann ganz schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, wenn zusätzliche touristische Entwicklungspotenziale aktiviert oder aufgegebene oder vernachlässigte touristische Bestände (Objekte oder Landschaftsteile) wieder belebt werden sollen.

So mussten nach 1990 z.B. Betreiber von florierenden Gaststätten auf durchaus touristisch attraktiven Lagen aufgrund ungeklärter Eigentumsverhältnisse, der Privatisierungs- und Vermarktungsstrategien der Treuhandgesellschaft bzw. ihrer Liegenschaftsgesellschaft sowie schwieriger Rahmenbedingungen ihren Betrieb aufgeben. Ein anschauliches Beispiel bietet das Müggelturmareal, dessen traditionelle Ausflugslokale schon seit Jahren geschlossen sind. Heute sind um den Müggelsee und den Langen See mehr als die Hälfte der ehemaligen Ausflugsgaststätten geschlossen.

1.2 "Quellmärkte"

Tourismus zu Lande

Der hauptsächliche "Quellmarkt" für den Tourismus in Treptow-Köpenick sind die anderen Berliner Bezirke. Nach Befragungen im Sommer 1995 (Treptow) und im Sommer 1998 (Köpenick) erreichte ihr Anteil an den Touristen im Bezirk 62 % (Treptow) bzw. 67 % (Köpenick) (vgl. auch im folgenden die Tourismuskonzeptionen Treptow von 1995 und Köpenick von 1998). Diese Befragungsergebnisse entsprechen jenen Angaben, die in der Tourismusliteratur insbesondere für den Städtetourismus genannt werden. So heißt es z.B. bei Luft (2001: S. 35), dass "im Städtetourismus (…) im allgemeinen dem Tagestourismus etwa zwei Drittel des touristisch induzierten Gesamtumsatzaufkommen einer Stadt zugerechnet" wird. Insbesondere die Neuköllner (Treptow) bzw. die Neuköllner, Hellersdorfer, Lichtenberger und Treptower (Köpenick) besuchten die beiden Teilbezirke. Der übrige Quellmarkt von Bedeutung liegt im Inlandstourismus. Hier dominierten 1995 bzw. 1998 nachvollziehbar und eindeutig die Besucher aus dem benachbarten Land Brandenburg (aus der engeren Region). Der Auslandstourismus spielt für den Bezirk mit 16 % der gemeldeten Übernachtungsgäste im Bezirk (2002) fast keine Rolle (vgl. Konter 2003).

Zu fast zwei Dritteln (64 %) kamen 1995 die Besucher Treptows aus den anderen Bundesländern, hauptsächlich aus Brandenburg, mit dem Pkw oder Motorrad (MIV) und zu etwa einem Drittel (32 %) mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Besser schien 1998 die Bilanz des ÖPNV für den Bezirk Köpenick gewesen zu sein: Fast 50 % aller Gäste waren mit der Regionalbahn, S-Bahn, Tram und Bus nach Köpenick gekommen. Die Gäste mit Pkw und Motorrad erreichten nur einen Anteil von etwas über 34 %. (Vgl. Tourismuskonzeptionen Treptow von 1995 und Köpenick von 1998)

Die ersten Trendergebnisse der derzeit im Tourismusverein laufenden "Besucherstromuntersuchungen" an ausgewählten Quell- und Objektpunkten (Juli bis August 2003 und September bis Oktober 2003) pointieren die Verteilung der "Quellen" des Tourismus für Treptow-Köpenick.
  • Der Anteil der Tagesausflügler aus Berlin und aus der Region und der Anteil der Tagesausflügler, die in Berlin und Umgebung Urlaub machen, haben sich zusammen offensichtlich auf über drei Viertel der Befragten merklich erhöht. Die Urlauber im Bezirk erreichen bisher nicht einmal einen Anteil von 10 %.
  • Zu ihrer Herkunft befragt, gaben fast drei Viertel der Befragten an, aus den anderen Berliner Bezirken zu kommen - und zwar vornehmlich aus den Bezirken im Norden (Lichtenberg-Hohenschönhausen, Friedrichshain-Kreuzberg und Marzahn-Hellersdorf) und im Süden (Neukölln). Etwa ein Viertel kommen aus den anderen deutschen Bundesländern - vor allem aus Brandenburg. Der Anteil der ausländischen Gäste ist angesichts der Ergebnisse für den Inlandstourismus vernachlässigbar (etwa 2 %).
  • Die überwiegende Mehrheit der befragten Gäste war zu gleichen Anteilen (etwa 40 %) mit öffentlichen Verkehrsmitteln und mit privaten Kraftfahrzeugen gekommen. Immerhin benutzten über 10 % das Fahrrad für ihren Besuch in Treptow-Köpenick.

Wassersport und -tourismus

Große Hoffnungen werden in der lokalen Tourismuspolitik in die Entwicklung des Wassersports bzw. -tourismus gesetzt. Bis heute ist jedoch der Anteil des Wassertourismus am Gesamttourismus in der Destination Treptow-Köpenick nicht quantifiziert worden. In diesem Bereich liegen Wachstumspotenziale, die genutzt werden müssen. Dies kann einmal auf der Ebene des Tourismusmarketings z.B. durch Schaffung spezifischer Angebote und zum anderen auf der Ebene der planerischen Verortung von Möglichkeiten zur Ausübung des Wassersports geschehen.

In einer vorliegenden Diplomarbeit (vgl. Giermann 2003) werden einige Angaben gemacht, die den Bereich Wassersport/Wassertourismus etwas näher charakterisieren. Im Übrigen fehlt noch eine eindeutige Definition, die den Gesamtbereich nochmals unterscheidet in Wassersport und Wassertourismus. Im Großen und Ganzen kann die Definition "Wassertourist" Geltung beanspruchen, die wir schon in der "Einführung" zu unserer Studie (S. 3) formuliert haben. Diese Definition ist in etwa dem Begriff "Wasserwanderer" gleichzusetzen, den Giermann in ihrer Diplomarbeit benutzt. Trotz oder gerade aufgrund dieser Eingrenzung des Begriffs ist es nur sehr schwer möglich, den "Wassertourismus" im engeren Sinne annähernd und realistisch zu quantifizieren. Auch die Untersuchung des Wassertourismus um die Altstadt Köpenick von Giermann kann dies nicht leisten. Dort heißt es an einer Stelle nur (die Quelle ist offensichtlich die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen), dass sich auf den Berliner Gewässern 24.000 Sportboote - d.h. bei einem angenommenen Durchschnitt von 3 Personen pro Boot 72.000 Wassersportler - bewegen würden. Was heißt dies jedoch für Treptow-Köpenick?

Giermann liefert aber einige Daten, die es erlauben, zumindest in den Gewässern um die Altstadt Köpenick den Anteil der "Wasserwanderer" an der Gesamtzahl der gezählten Sportboote grob zu schätzen. Die Stichprobenuntersuchung um die Altstadt, die die Diplomandin im Sommer 2002 durchführte, erbrachte das Ergebnis, dass von den in der Altstadt befragten Sportbootfahrern zur Hälfte Berliner und davon etwa 15 % Einheimische (Treptow-Köpenicker) waren. Die übrigen kamen - leider nicht differenziert - vorrangig aus dem übrigen Bundesgebiet und - die wenigsten wohl - aus dem Ausland. Die um die Altstadt gezählte Kerngruppe der "Wassertouristen" umfasst also zu einen Anteil von etwa 90 % Besucher aus dem übrigen Berlin und aus den (nahen) Bundesländern sowie zu einem vermutlich sehr geringen Teil Besucher aus dem Ausland.

Eine Hochrechnung dieser Verhältnisse auf die Gesamtberliner Ebene und eine Rückrechnung auf die Treptow-Köpenicker Ebene ist ein schwieriges Unterfangen, da sich die wassertouristisch bzw. -sportlich relevante Ausstattung des Bezirks von derjenigen der übrigen Berliner "Wasserbezirke" unterscheidet. So besitzt Treptow-Köpenick z.B. im Vergleich zum Berliner Durchschnitt (6,5 %) einen doppelt so hohen Anteil der Wasserflächen (13 %) an der Fläche des Bezirks. Wirkliche Aufklärung kann nur eine eigene Datenerhebung erbringen - eine Datenerhebung, die die heterogene Zusammensetzung der Gesamtgruppe Wassersportler bzw. -touristen angemessen berücksichtigt.

Die Arbeit von Giermann (vgl. Giermann 2003: S. 72 f) gewährt darüber hinaus einen Einblick in die demographische und soziale Struktur der "Wasserwanderer" bzw. Wassertouristen. Sie sind zu fast zwei Dritteln über 50 Jahre alt, leben überwiegend in Zwei-Personenhaushalten und gehören sicherlich zur Gruppe mit höherem Einkommen. Immerhin machte etwa ein Sechstel der befragten "Wasserwanderer" einen Ausflug auf heimischen Gewässern (Treptow-Köpenicker).

1.3 Nachfragepräferenzen, Freizeit- und Reiseverhalten, Folgerungen für die Destination

Die allgemeinen Nachfragepräferenzen im Inlandstourismus, d.h. von Urlaubern, Tagesbesuchern, Erholungssuchenden und Kurzurlaubern sowie die sozialen, demographischen und verhaltensbezogenen Veränderungen auf der Nachfrageseite stellen veränderte und differenziertere Anforderungen an die Destination und an die Anbieter touristischer Produkte und Dienstleistungen.

1.3.1 Nachfragepräferenzen


Betrachten wir zunächst die Motive (bzw. Wünsche), die der Freizeit- und Urlaubsgestaltung zugrunde liegen, und dann die Hauptpräferenzen, die von deutschen Touristen an eine Destination im Inland gestellt werden. Nach den Wünschen für Urlaub und Freizeit gefragt, wird in der Regel ein ganzes, teils widersprüchliches Bündel von Wünschen genannt: Wünsche nach Ruhe, Sonne und Natur, Wünsche nach Freiheit, Komfort und Kultur sowie auch Wünsche nach Kontrast, Aktivität, Kontakt und Spaß (vgl. Freyer 2001: S. 57 ff; Opaschowski, S. 91 ff). Diese Wünsche oder Motive unterscheiden sich vor allem aus demographischer Perspektive. So dominieren die Wünsche nach Spaß, Kontrast und Freiheit bei den Jüngeren, während sich die älteren Generationen eher Ruhe, Sonne und Natur, d.h. das Abschalten, Entspannen und Erholen, wünschen.

Höchste Priorität bei den Anforderungen an die Destination haben nicht von ungefähr "Ruhe und Erholung", "Bildung und Entspannung" sowie eine gut abgestimmte Kontrastierung von Entspannung und Erlebnis, von Rückzug und sozialem Kontakt, von Gewohnheit und Abwechslung, von Ruhe, Anregung und Aktion (Event). In einigen wissenschaftlichen Untersuchungen heißt es, dass die Menschen in einem "‚Leopardenfell' von Kontrasten" (Heinze) leben, in dem der Urlaub oder die Erholung bzw. die Urlaubs-, Freizeit- und Ausgleichsräume als Gegenstück oder neuerdings als Ergänzung des Alltags bzw. der Alltagsräume betrachtet würden, und diesen "Kontrast von Alltag und Urlaub" (Opaschowski) offenbar auch benötigen. Dabei prägen der soziale Alltag und die soziale Lage die touristischen Bedürfnisse (vgl. Freyer 2001: S. 65 ff/357 f).

"Das subjektive Erleben des eigenen Alltags wirkt sich auf Wünsche und Ansprüche an die Freizeit aus und äußert sich in korrespondierenden Verhaltensweisen und Präferenzen für bestimmte Typen von Destinationen und Räumen" (Harloff/Hinding 2003: S. 4). Die Freizeit bzw. der Urlaub als Kontrastbegriff zum Alltag erscheint geradezu "als Sammelbecken aller positiven Möglichkeiten, Hoffnungen und Erwartungen" (Opaschowski 2002: S. 65). Hier spiegeln sich Wünsche und Träume nach einem besseren Leben wider, deren Realisierung im Alltag unmöglich erscheinen. Die Ansprüche zur Verwirklichung dieser Wünsche und Träume werden an die Destination gestellt - sie wachsen mit den Forderungen nach dem, was machbar und erlebbar sein soll.

Von der Nachfrageseite besteht somit ohne Zweifel ein Interesse an entsprechenden Gegebenheiten und Ausstattungen einer Destination, z.B. an intakten, gestalteten und gepflegten Landschafts- und Stadträumen (bis hin zu Forderungen nach Nachhaltigkeit in der Landschafts- und Stadtgestaltung bzw. -pflege), an einer guten, erkennbaren und umweltverträglichen Erschließung der touristischen Bestände und Potenziale, an einer der jeweiligen Destination angemessenen, guten und variantenreichen Ausstattung mit touristischer Infrastruktur und Erlebnisbereichen (z.B. Mischnutzung), an Angeboten von ortsspezifischen und präferierten "Kontrasträumen" (Ruhe vs. Event) sowie an einem höheren Wissensstand und an einer höheren Koordinationsbereitschaft und Flexibilität bei den Organisatoren und Anbietern von touristischen Leistungen usw.

1.3.2 Veränderungen im Freizeit- und Reiseverhalten

Seit den letzten Jahrzehnten geht der Trend im Tourismus zu eher spontanen, kürzeren, häufigeren und intensiveren Reisen. Dabei hat sich im Zusammenhang mit dem Struktur- und Wertewandel in der Gesellschaft auch der Zusammenhang zwischen Alltag und Urlaub bzw. Freizeit verändert. Urlaub und Freizeit sind nicht mehr "Anhängsel des Arbeitslebens". Sie haben sich verselbständigt und scheinen nun zum Eigentlichen, zum Positiven am und im Leben geworden zu sein. Urlaub und Verreisen sind Teil des Lebensstils. Zugleich differenzieren sich im gesellschaftlichen Individualisierungsprozess entsprechend der sich herausbildenden sozialen und Lebensstilgruppen die Typen von Touristen: Vielreisende, Eventtouristen, Städtetouristen, Caravaning-Touristen, Wellnesstouristen, Abenteuertouristen, Extrem- oder Risikotouristen usw. (vgl. Freyer 2001: S. 27 ff; Opaschowski 2002: S. 261 ff/270 ff; Becker/Job/Witzel 1996: S. 17 ff; Ullmann 2000: S. 70 ff; Held 2002: S. 42 ff; Grashoff 2002: S. 88 f).

Erlebnis ist heute zum Schlüsselwort im Tourismus und die Inszenierung der Einmaligkeit des Erlebens z.B. durch Events (vgl. Opaschowski 2002: S. 241 ff) zu einem der zentralen Qualitätskriterien des Tourismus geworden. Mit dem wachsenden Wohlstand, der Verlängerung der Urlaubsdauer und mit den touristischen Erfahrungen sind die Reisen alltäglicher und die Ansprüche der Nachfrager an die Destinationen gestiegen. Der Urlaub muss perfekt organisiert und zugleich Raum für Illusionierungen bieten. Die Anbieter touristischer Produkte und Dienstleistungen sehen sich zunehmend einer "Anspruchsrevolution" (Opaschowski) von der Nachfragerseite her ausgesetzt. Diese Ansprüche auf Perfektion, Illusion und Erlebnis treiben eine ganze Branche in Existenzprobleme. Als Faktoren des Strukturwandels auf der touristischen Angebotsseite werden - kurz zusammengefasst - die steigenden Ansprüche der Nachfrager, die Diversifizierung der Zielgruppen und der wachsende Wettbewerbsdruck genannt.

In diesem Zusammenhang sind auch Veränderungen in der Altersstruktur der Touristen (als allgemeine Kategorie) zu beachten. Die Reisenden werden immer älter, im demographischen Segment "Alte" jedoch mobiler und aktiver (insbesondere die sogenannten "Jungen Alten" mit höherem Einkommen). Im "Senioren-Reisemarkt" liegt ein Wachstumspotenzial gerade für den Inlandstourismus. (Vgl. u.a. Luft 2001: S. 45 ff) Der Anteil der "Familienreisen" mit ihren spezifischen Bedarfen und Zeitkorridoren (z.B. Urlaubsreisen in der Hochsaison) gehen weiter zurück zu Gunsten von "Paar-" und Einzelreisen mit höheren Bedürfnissen nach touristischer Ausstattung und höheren Anforderungen an die Flexibilität der Anbieter.

Inlandstourismus

Mit der Erhöhung und Verbilligung der Mobilität haben die inländischen Ferienregionen immer mehr Marktanteile im Tourismus zugunsten der ausländischen Destinationen verloren. Die Reiseströme haben sich in den letzten drei Jahrzehnten geradezu umgekehrt (1960: 69 % Inlandsreisen zu 31 % Auslandsreisen; 2000: 31 % Inlandsreisen zu 69 % Auslandsreisen). Der Verdrängungswettbewerb zwischen den Destinationen hat merklich zugenommen. Dabei gewann die Küste gegenüber den Bergen immer mehr die Gunst der Inlandstouristen. Trotz weiter fallender Tendenz im Inlandstourismus wird Deutschland offenbar zum "Kurzurlaubsland - für die Bundesbürger genauso wie für die ausländischen Städte- und Kulturtouristen". (Vgl. Freyer 2001: S. 11 f/91 f; Luft 2001: S. 41 ff; Opaschowski 2002: S. 154)

Den Vermarktern des Inlandstourismus bietet sich nun die Chance, mit Blick auf die Kurzurlauber, die Wochenendtouristen und die Tagesbesucher Konzepte "Neuer Nähe" regionaler Besonderheiten, Geschichte und Kultur in Form von Kurz-, Erlebnis-, Kultur- und Städtereisen zu entwickeln. Von der Wissenschaft wird sogar vorgeschlagen, "Raumpartnerschaften zwischen Verdichtungs- und Erholungsräumen", also zwischen sogenannten "Kontrasträumen", zu schließen, die nicht zuletzt "Gestaltungschancen" im Sinne von "Nachhaltigkeit" böten (vgl. Heinze 2003).

Städtetourismus

Die Großstädte im Inland und im nahen europäischen Ausland erlebten im Jahrzehnt vor dem allgemeinen touristischen Einbruch im Jahr 2002 Zuwächse im Tourismus. Mit dem Trend zu Kurzreisen wuchs der Städtetourismus. Die Attraktivitätssteigerung der Großstädte gründet auf touristischen Angeboten, die "Sightseeing und Lifeseeing (Eventbesuche)" (Opaschowski) kombinieren. Dabei liegt die touristische Bedeutung gerade der Metropolen "nicht in einer elitären Exzentrik", "sondern in der repräsentativen Zusammenziehung eines Landes (…)" (Held 2002: S. 51). Die deutsche Hauptstadt Berlin ist für die Deutschen ein Lieblingsziel ihrer Städtereisen im Inland; sie liegt (mit 17 %) an der Spitze des Städtetourismus im Inland und wird nur von Paris (19 %) im Städtetourismus der Deutschen überflügelt. Die Städtetouristen sind eher Besserverdienende und Höhergebildete. (Vgl. Opaschowski 2002: S. 257 ff; Held 2002: S. 49 ff)

Auf der anderen Seite - dies wird in der Tourismusforschung oft unterschlagen - verreisen in der Bundesrepublik etwa 47 % der Menschen über 14 Jahren nicht; es sind die "Daheimurlauber" (Opaschowski) (vgl. hierzu und im folgenden Freyer 2001: S. 80 f). Für diese Gruppe sind ein gut erreichbares Naherholungsgebiet und/oder Möglichkeiten für einen Stadturlaub unverzichtbar. Dieser Kreis von "Stadturlaubern" wird zukünftig mit Sicherheit immer größer. Für das Nichtreisen werden überwiegend (40 %) ökonomische Gründe genannt (z.B. Geringverdienende, Arbeitslose). Diesen Gründen folgen gesundheitliche Gründe (insbesondere Ältere), aber auch "motivationale Schwierigkeiten" (z.B. Angst vor Veränderung usw.) und Immobilitätsgründe. Es zeichnet sich auch im Bereich Urlaub eine soziale Differenzierung ab, "eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Mobilen (vor allem Jüngere mit höherem Bildungsgrad, Job und höherem Einkommen - E.K.) und Immobilen (vor allem Alleinerziehende mit niedrigerem Einkommen, Arbeitslose und Rentner - E.K.)" (Opaschowski).

"Insbesondere Großstädte und Ballungszentren werden sich zukünftig mehr auf den Erlebniswert des Urlaubs zu Hause und auf den Typus des Stadturlaubers einstellen müssen" (Opaschowski 2002: S. 105). Ohne Zweifel lässt sich die Stadt bzw. die Großstadtregion, wie z.B. der Berliner Raum, selbst als "urbaner Kontrastraum" betrachten, d.h. als Kontrast zwischen materialisierter Gewordenheit, dynamischer Gegenwart und aufscheinender Zukunft (zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen und individuellen Raumzeitmustern) oder als Kontrast zwischen innerstädtischen, randstädtischen und vorstädtischen Räumen bzw. zwischen Zentren und Peripherien. Eine Stadt als kontrastreicher und attraktiver Freizeitbereich und Erlebnisraum fordert nicht nur zusammenhängende Wegenetze zur Erschließung der Destination durch Radfahren und Wandern, sondern auch einen freizeit- und urlaubsfreundlichen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

"Ausflugsverhalten der Berliner"


Seit einiger Zeit liegt eine Untersuchung des Instituts für Tourismus der Freien Universität Berlin über das "Ausflugsverhalten der Berliner 1998" (Haedrich/Klemm/Lütters o.J.) vor. Auch wenn diese Untersuchung (telefonische Interviews im Januar 1999) schon über 4 Jahre alt ist und in ihren Frage- und Problemstellungen eine andere Zielsetzung verfolgte, so bleiben einige Aussagen für unsere Thematik von nicht zu unterschätzender Relevanz. Nur die wichtigsten Ergebnisse, die für die Destination Treptow-Köpenick von Bedeutung sein können, sollen hier in aller gebotenen Kürze referiert werden.

Auf die Frage nach den wichtigsten Ausflugszielen nennen die mit Abstand meisten befragten Berliner (ohne großen Unterschied zwischen West und Ost) das Nahziel Potsdam. Dabei unternahmen über 40 % der Befragten im Jahr mehr als 10 Ausflüge in das Berliner Umland. Über 12 mal im Jahr zog es die Berliner in das Land Brandenburg. Fast zwei Drittel der Ausflügler besuchten Potsdam. Als nächstes Zielgebiet folgte der Spreewald mit etwas über einem Drittel Berliner Besucher. Auch bei den zukünftigen Tagesausflügen (über 90 %) der Berliner steht Potsdam mit Abstand an der Spitze der Ausflugsziele (fast 85 %).

Über die Motive für ihre Tagesausflüge befragt, gaben die Berliner an:
  1. "Natur erleben" (fast drei Viertel),
  2. "aus der Großstadt herauskommen" (knapp über 70 %),
  3. "abschalten, ausspannen" (etwa zwei Drittel),
  4. "spazieren gehen, wandern" (knapp unter zwei Drittel),
  5. "neue Eindrücke gewinnen, etwas anderes kennenlernen" (über 60 %) und immerhin an 7. Stelle von 10 genannten Motiven "kulturelle und historische Sehenswürdigkeiten besichtigen" (mit fast 48 %).
Das, was den Berlinern am besten gefällt, stimmt weitgehend mit ihren Präferenzen überein:
  • "Natur und Landschaft",
  • "Wälder und Parkanlagen",
  • "Seen, Gewässer und Flüsse",
  • "Ruhe, Stille und Abgeschiedenheit" und
  • "(historische) Sehenswürdigkeiten".
An 7. Stelle von 10 rangieren aber auch "Stadt, Stadtkern, Stadtbild, Altstadt, Kleinstadt und Dörfer".

Als Aktivitäten, die sie während ihres letzten Ausflugs unternommen haben, benennen die Befragten
  1. "spazieren gehen, wandern" (über 80 %),
  2. "Gaststättenbesuch, essen und trinken" (fast 68 %),
  3. "Besichtigung von Museen und Sehenswürdigkeiten" (fast 38 %),
  4. "Bekannten- und Verwandtenbesuch" (fast 20 %),
  5. "Einkaufsbummel" (fast 20 %),
  6. "Besuch von Stadtfesten und Märkten" (über 18 %) und
  7. "Schiffs- und Bootsfahrten" (fast 15 %).

Sportliche Aktivitäten rangieren erst danach. Der Wassersport wird erst an vorletzter Stelle (unter 4 %) angeführ

Bei ihren Ausflügen haben die Berliner ungefähr drei Viertel ihrer finanziellen Aufwendungen (im Durchschnitt etwa DM 34,00 pro Person/Ausflug) für Essen und Trinken (fast 39 %) sowie für "sonstige Einkäufe" (etwa 36 %) ausgegeben. Ausgaben für die Organisation von Touren vor Ort oder für den Transport vor Ort spielten nur eine sehr marginale Rolle.

Leider benutzten über 70 % der Berliner den eigenen PKW für ihre Ausflüge. Nur um 20 % fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Exkurs: Reisemotive, Erwartungen an und Bewertung der Altstadt Köpenick

Durch eine Untersuchung zur "Nutzung der Altstadt von Köpenick durch Wassertouristen" von Giermann (2003) erhalten wir neben den allgemeinen Reisemotiven auch einen Einblick in die Erwartungshaltungen der Gäste der Teildestination gegenüber und in die Erfahrungen der Gäste mit der Altstadt.

Nach ihren Reisemotiven befragt, äußern die Altstadtgäste keine wesentlich anderen Prioritäten als die in der Tourismuswissenschaft erforschten (vgl. Giermann 2003: S. 64 f). Die einzelnen Gruppen der Befragten unterscheiden sich nur durch die Rangfolge ihrer Motive:
Bei den Gästen der Fahrgastschifffahrt stehen "Natur erleben" und "Wetter genießen" an der Spitze, dann folgen "Neues entdecken" und "Wissen erweitern", "Entspannung und Erholung" und "Kontakt, Geselligkeit". Die Wasserwanderer präferieren hingegen "Abwechslung, Erlebnis, Sport", "Entspannung und Erholung", "Natur erleben" und "Wetter genießen", "Eindrücke, Bildung, Entdeckung" und "Kontakt, Geselligkeit". Die Bootsausleiher präferieren ähnlich wie die Wasserwanderer "Abwechslung, Erlebnis, Sport" sowie "Natur erleben" und "Wetter genießen".

Mit der Altstadt verbinden diese Gäste im wesentlichen Assoziationen wie "nette Restaurants, Rathaus, Altstadtfest oder (…) Hauptmann von Köpenick", Wasser, Wald bzw. Natur und Architektur. Bekannt sind ihnen vor allem das Schloss und das Rathaus, die "Hauptmann-Garde" und die Highlights der lokalen Gastronomie.

In der Beurteilung der Altstadt sind sich die Gäste uneins: Positive und negative Urteile halten sich fast die Waage. Positiv beurteilt werden vor allem das Stadtbild insgesamt und die Architektur und negativ insbesondere der Schmutz, die vielen Baustellen und die Verkehrssituation.

Bei der Benennung ihrer Informationsquellen über die Altstadt sind sich die Besucher wieder sehr einig. Überwiegend werden eigene Erfahrungen und mit großem Abstand andere Personen, vornehmlich Bekannte und Verwandte genannt. Die übrigen Informationsquellen, wie z.B. die Medien, das Internet oder der Tourismusverein, spielen interessanterweise kaum eine Rolle.



1.3.3 Folgerungen für die Destination


Aus den einführenden Darlegungen zur Destination Treptow-Köpenick und ihren Beständen sowie aus der Darstellung der Nachfragepräferenzen und der Veränderungen im Freizeit- und Reiseverhalten lassen sich allgemeine entwicklungsrelevante Folgerungen für die Destination formulieren. Es lässt sich mit einigem Recht vermuten, dass Treptow-Köpenick im Rahmen seiner Möglichkeiten durchaus Entwicklungschancen als touristische Destination hat.

Die wichtigsten touristischen "Quellmärkte" des Bezirks sind hauptsächlich die übrigen Berliner Bezirke und mit etwas Abstand das Brandenburger Umland (Ausflügler und Tagesbesucher). Erst danach folgen die Besucher aus den übrigen Bundesländern. Die Gäste aus dem übrigen Berlin und der Inlandstourismus werden auch in Zukunft höchste Priorität im Tourismus des Bezirks besitzen. Gerade die Veränderungen im Reiseverhalten und die Nachfragepräferenzen im Inlandstourismus sprechen deutlich für diese Hypothese.

Obwohl mit Freizeit und Urlaub immer eine "Fluchttendenz" (Opaschowski), d.h. das Reisen bzw. die Ortsveränderung, untrennbar verbunden zu sein scheint und im Falle Treptow-Köpenick zumindest für die Berliner die "Dimension von Weite" fehlt, erscheinen Entwicklungsmöglichkeiten im Tourismus dann realistisch, wenn es gelingt, das Bedürfnis nach der "Dimension der Weite" durch die Attraktivierung der "Nähe" zu kompensieren.

Die Destination Treptow-Köpenick stellt einen für seine potenziellen Nachfrager gut erreichbaren und erschlossenen "Kontrastraum" erster Güte dar. Dieser Bezirk bietet komplexe raumzeitliche Schichtungen, Verknüpfungen und Überlagerungen von hoch verdichteten urbanen Räumen, Randstadtbereichen mit "grünen" Einlagerungen, kleinstädtischen Siedlungsstrukturen und ausgedehnten Fluss-, Seen-, Wiesen- und Waldlandschaften mit vorstädtischen Siedlungsinseln - ein "Kontrastraum" mit einer deutlichen Scheidelinie zwischen urbanem Raum und Landschaft. Zugleich ist die Innenstadt der bundesdeutschen Hauptstadt mit ihren international bedeutenden historischen und neuen Zentren, Einrichtungen, Bauten, Bauensembles, Plätzen und Parkanlagen gut und schnell zu erreichen. Hier können die touristischen Entwicklungschancen für den Bezirk liegen - und zwar in Anbetracht des Trends zum Kurz- und Wochenendurlaub, zum Zweit- und Dritturlaub, zu Erlebnis-, Kultur- und Städtereisen. Nicht zuletzt könnte Treptow-Köpenick mit einem eigenständigen Tourismusmarketing und entsprechenden touristischen Angeboten von der Beliebtheit Berlins bei Erlebnis-, Kultur- und Städtetouristen im In- und Ausland profitieren.

Die Nachfragepräferenzen der neuen Touristentypen, "Ruhe und Erholung", "Bildung und Entspannung" in gut abgestimmter Kontrastierung von Entspannung und Erlebnis, von Rückzug und sozialem Kontakt, von Gewohnheit und Abwechslung, von Anregung und Inszenierung, von Ruhe und Aktion (Event), lassen sich im "Leopardenfell" Treptow-Köpenick - zumindest potenziell und mit einigen Bemühungen - durchaus einlösen. Mit einigen Anstrengungen der lokalen Akteure im Tourismusbereich könnten auch den Interessen der Nachfrageseite an intakten, gestalteten und gepflegten Landschafts- und Stadträumen, an einer guten und erkennbaren Erschließung der touristischen Bestände und Potenziale (durch "Touristische Leitsysteme") sowie an einer angemessenen ortsspezifischen Ausstattung mit touristischer Infrastruktur und Erlebnisbereichen entsprochen werden.

Gerade im "Ausflugsverhalten der Berliner" sind Chancen für die Destination Treptow-Köpenick zu entdecken. Die Motive, z.B. "Natur erleben", "abschalten, ausspannen" oder "spazieren gehen, wandern", und die Erwartungen der Berliner, z.B. "Natur und Landschaft", "Wälder und Parkanlagen", "Seen, Gewässer und Flüsse" oder "Ruhe, Stille und Abgeschiedenheit", die für ihre Zielwahl im Brandenburger Umland von Bedeutung sind und sich kaum von den genannten allgemeinen Nachfragepräferenzen unterscheiden, kann dieser Bezirk ebenso erfüllen. Hier ließen sich mit Blick auf die Gäste aus dem übrigen Berlin und der nahen Brandenburger Region Konzepte "Neuer Nähe" regionaler Besonderheit, Geschichte und Kultur für Ausflügler und Tagesbesucher entwickeln, die auch für die übrigen Inlandstouristen offen stehen könnten - Konzepte, die "Gestaltungschancen" in Richtung "Nachhaltigkeit" im Tourismus eröffnen.

Treptow-Köpenick als Nahdestination für die Berliner könnte sogar gesamtstädtische Funktionen für Berlin übernehmen. Zum einen könnte diese Destination in Konkurrenz zu den Nahzielen in Brandenburg (z.B. Potsdam) den Abfluss Berliner Nachfrage bzw. Kaufkraft im Tourismusbereich in das Brandenburger Umland verhindern. Zugleich wäre damit die Möglichkeit eröffnet, aufgrund der guten Erschließung des Bezirks durch den öffentlichen Verkehr und der Verringerung der Ausflugsdistanz den Ausflugsverkehr der Berliner tendenziell von der Straße auf den ÖPNV zu verlagern. Zum anderen wäre es für den Bezirk sicherlich nicht von Nachteil, wenn die Tourismuspolitik, das Tourismusmarketing und die Tourismuswirtschaft vor Ort ihr Augenmerk auch auf eine wachsende Gruppe von möglichen Ausflüglern bzw. Tagesbesuchern richten würde, auf die "Daheimurlauber" oder "Stadturlauber", die aus vornehmlich sozialen Gründen nicht verreisen können.

Solche gesamtstädtisch orientierten ökonomischen und sozialen Funktionen können nur erfüllt werden, wenn sich die Akteure im lokalen Tourismussektor auf die neuen Aufgaben und die entsprechende Nachfrage einstellen und die touristischen Bestände und Potenziale der Destination vorrangig über einen freizeitfreundlich ausgebauten öffentlichen Nahverkehr zu Land und zu Wasser, durch zusammenhängende Rad-, Wander- und Wasserwegenetze und integrierte "Leitsysteme" erschlossen sind. Darüber hinaus müssten entsprechende, vielfältige touristische Angebotspakete oder frei kombinierbare Angebotsmodule unter Einschluss der An- und Abreise entwickelt werden. Die Erfüllung der angesprochenen Funktionen könnte als Schritt in Richtung "Nachhaltigkeit" im Tourismus gewertet werden.



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